RELATIONSHIP BLOG

Verfasst von Berta Schreckeneder | Kategorien: Beziehungen in Organisationen, Beziehungen zu anderen, Beziehungen zu sich selbst

Was ist, wenn Eigen- und Fremdbild weit auseinander gehen? Wenn die anderen mich für einen tollen Menschen halten, aber ich mich selbst nicht wertschätzen kann. Oder wenn die anderen mich ablehnen, sich über mich beklagen, ich mich aber als hilfsbereit, nett und wirklich gut finde.

Es kann tatsächlich weit auseinander fallen – das was andere in mir sehen und ich selbst an mir wahrnehme. Und was bedeutet das jetzt?

Nehmen wir doch die eher seltene Variante im Berufsleben: Eine Führungskraft, Herr Neumann, findet er macht einen guten Job. Das sehen die Mitarbeiter allerdings ganz anders. Sie wollen Herrn Neumann schon längst lieber draußen sehen. Selbst die Unternehmensleitung ist am Überlegen, ob Herr Neumann für sie eine geeignete Führungskraft ist. Bevor nun sozusagen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird, bekommt Herr Neumann ein Coaching vorgeschlagen und er willigt ein. Schnell ist ein Coach gefunden. Und jetzt – die erste Sitzung.

Herr Neumann, Welchen Veränderungsbedarf erkennen Sie? Welche Ziele könnten Sie durch das Coaching erreichen wollen? Diese Fragestellungen führen ins Nichts. Denn Herr Neumann hat ja ein klares Bild von sich – er macht einen guten Job und schätzt seine Hilfsbereitschaft, sein Engagement … seine Führungsarbeit in Summe. Herr Neumann, Wozu haben Sie diesem Coaching zugestimmt? Was haben Sie sich erhofft? Unklar!

Das kann vorkommen in der Praxis eines Coaches. Nun was jetzt? Wahrscheinlich gehen da die Meinungen unter Coaches auseinander – von: Coaching sofort abbrechen, bis hin zu: Therapie, da vielleicht eine Persönlichkeitsstörung oder eine andere psychische Erkrankung vorliegt. Hilfreich erachte ich dagegen, sofern man nicht einem Extrem folgen will, den Kunden mit der Haltung: Ich bin bereit dich kennenzulernen, gut zu beobachten.

Mit dieser klaren und transparenten Haltung des Coaches kann der Kunde, Herr Neumann, erleben: Es geht hier nicht um die Frage, wer recht hat und wer nicht. Es kann bspw. um die Frage gehen: Wie kann es mir als Führungskraft gelingen, meine Mitarbeiter an dem teilhaben zu lassen, was ich von mir halte? Mit dieser Fragerichtung wird eine Beziehung zwischen den unterschiedlichen Bildern von Führungskraft und Mitarbeitern geschaffen. Es kann über diesen Weg gelingen, jede Seite in eine Reflexionsbereitschaft zu bringen. Veränderungen werden angestoßen.

Eine andere Frage könnte sein: Wie wohl fühlen Sie sich mit den Unterschieden von Fremd- und Eigenbild? Wenn sich Herr Neumann sehr wohl fühlt, kann ich fragen: Wie geht es Ihnen damit, dass sich Ihre Mitarbeiter mit Ihnen nicht wohlfühlen? Da in unserer Wirtschaft selbst Coaches noch die Empfehlungen geben, Emotionen aus dem Job zu lassen, kann diese an und für sich ausgezeichnete Fragerichtung oft nicht eingeschlagen werden. Einen Versuch ist es allerdings immer wert. Denn viele Menschen möchten zufrieden und glücklich sein.

Es ist gut sich nicht damit aufzuhalten, wer richtig wahrnimmt und wer nicht – das führt nur in die sinnlose Vertiefung der Unterschiede. Es geht um die Wertschätzung der Unterschiede und letztendlich um eine gelungene Erfahrung für alle. Mit der bewussten Haltung und der gewählten Fragerichtung des Coaches werden die Dinge in Bewegung kommen. Bestehen die Unterschiede und das Auseinanderklaffen der Wahrnehmungen – innen und außen – schon länger, wird es wie bei Herrn Neumann nicht mit wenigen Stunden Coaching getan sein. Mit etwas Disziplin und Ausdauer werden sich allerdings die Bilder annähern und welche Maßnahmen dazu notwendig sind, wird sich im Coaching-Prozess zeigen. Darauf kann man als Coach und Kunde vertrauen.

 

P.S.: Und drehen Sie die Überlegungen gerne um – Nehmen Sie an, es handelt sich um jemand, den andere für einen großartigen Menschen halten, der sich selbst allerdings nicht anerkennt? Welche Fragerichtung und welche Haltung sind da interessant?

 

 

 

 

Bild: Fotolia_Datei: #92511645 | Urheber: fotomek

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